Manifest des Unternehmers - III

Manifest des Unternehmers - III

 

 

 

Der Lehrlingslehrling

Immer öfter merkte der Mann, dass sich seine berufsbegleitende Weiterbildung und der herkömmliche Alltag nicht so recht vereinbaren ließen. Besonders die täglichen praktischen Lektionen, das Kräutersuchen und -sammeln, durchkreuzten sein Tagesgeschäft. Sein Brot verdiente der junge Mann als Schmied. In der etwas entfernt gelegenen Stadt schätzte man seine Arbeit, doch bestand auch auf persönlichem Austausch und natürlich der Warenlieferung durch den Handwerker selbst.

Da er im Zuge eines Großauftrages, er sollte das neue Stadttor schmieden, nicht mehr jeden Tag zur Hütte der Kräuterhexe aufsteigen konnte, stellte er ihr per berittenem Postboten eine Bitte zu: „Verehrte Lehrmeisterin, empfiehl mir ein Fachbuch über stadtnahe Wachstumsgebiete des helfenden Krautes.“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Schmied verzichtete von nun an auf das Lesen der Morgendepesche und bereitete stattdessen schon die Kräutermahlzeiten für seine Liebste vor. Bisher hatte er dies dreimal am Tag getan, doch nun legte er die Bündel auf drei verschiedenfarbige Holzplatten in die Speisekammer und erklärte seiner Frau: „Zum Frühstück die rote, zum Mittagsschlag die gelbe und zum Abend die blaue Platte.“ Er ließ sich eine Woche Zeit, um zu überprüfen, ob seine Gefährtin den Anweisungen auch nachkam. Als dies offenkundig klappte, wandte er sich dem nächsten strategischen Punkt seiner Tagesoptimierung zu. Statt nun von Schmiedeauftrag zu Schmiedeauftrag zu denken und dafür fast jeden zweiten Tag in die Stadt zu reiten, sammelte er an mehreren Tagen mehrere Arbeitsaufgaben ein, die er stets nach Wichtigkeit erfüllte – oftmals bis in die Nacht hinein.

Bald schon merkte er, dass er Zeit gewonnen hatte: Wo er sich sonst auf sein Pferd schwang, um daheim das Kräutermahl zu bereiten, konnte er nun seine Kunden in der Stadt betreuen. Dafür kehrte er zwei Stunden früher zurück und hatte Zeit, auf dem Heimweg die Kräuter für den nächsten Tag zu sammeln, denn sie mussten frisch sein und durften nicht länger als einen Sonnenlauf lagern. Die Hexe hatte ihm einige Fleckchen zwischen Stadt und seiner Hütte verraten, an denen er ohne Umwege eine gute Ernte vorfinden würde.

An den terminfreien Tagen arbeitete er unermüdlich, vollendete viele Aufträge bereits vor den gesetzten Fristen, wodurch er erneut Freiraum gewann, den er mit der Erkundung der Natur und der Entdeckung neuer Kräuterplätze verbrachte.

Bald schon aber suchte er nach einer noch effizienteren Lösung und ließ der Hexe wieder eine Nachricht zukommen: „Gibt es vom Kraut denn keinen Samen, den ich im heimischen Beet anpflanzen kann?“ Auch hier kam die Antwort postwendend zurück: „Ich zählte die Stunden, bis du mir diese Frage stellst, mein Lehrling. Ich sehe, du lernst beständig. Darum übersende ich dir dreizehn Samenkörner, die dreizehn Tage bis zum ersten Trieb benötigen, dreizehn weitere zum Heranwachsen. Dreizehn Tropfen Wasser dreizehnmal am Tag benötigt ein jedes Kraut bis zur Ernte.

Sechsundzwanzig Tage. „Ach je“, dachte der Mann nun, „wirklich erleichtert habe ich mir meinen Tag dadurch nicht, immerhin muss ich mich nun neben Arbeit und Kräutersuche auch noch dreizehn Mal am Tag um die Bewässerung kümmern.“ Langsam stiegen dem Mann Zweifel auf. Zwar war seine Frau offenbar die glücklichste der Welt, doch bei aller Arbeit bekam er sie kaum noch zu Gesicht. Und nun hatte er sich noch mehr Last aufgebürdet. In seinem Verdruss erklang ihm im Geiste plötzlich die Stimme der Alten: „Es wird trotz aller Verheißung kein leichter Weg. Die Tragweite deiner Entscheidung muss dir bewusst sein, denn sie wird in den nächsten Augenblicken, Tagen, Monaten, ja wohl Jahren dein Leben bestimmen. Wenn du dich erst einmal dafür entschieden hast, musst du durchhalten.“Ja, das hatte sie ihm zu Beginn ans Herz gelegt. Und er hatte sich entschieden. Also musste er nun Durchhalten.

Er dressierte seinen Hahn erneut, diesmal sollte er schon zwei Stunden früher krähen. Sein erster Gang, noch im Schlafgewand, führte ihn hinaus. Dort hatte er um Mitternacht die Samen in ein frisch aufgehäuftes Beet gesetzt, wie es ihm seine Lehrmeisterin geraten hatte. Dreizehn Holzquadrate markierten die einzelnen Saatstellen, die er nun jeweils mit dreizehn Tropfen Wasser benetzte. Damit die Kühe fortan selbst auf die Weide traben können, hatte er einen metallenen Zaun geschmiedet, der die Tiere nun in ein ebenfalls eingezäuntes Areal mit frischem Wiesengrün führte. Er öffnete das Gatter und überließ seinem Hund die Aufgabe des Kuhtreibers. Er entfachte das Feuer, und während es langsam erstarkte und aufzüngelte, bereitete er wie gewohnt die drei Krautmahlzeiten vor. Nach einer Stunde beträufelte er sein Saatgut erneut mit je dreizehn Wassertropfen. Statt selbst in die Stadt zu reiten, hatte er für einen Monat einen Knappen angeheuert, der fortan für Kost und Logis die Betreuung der Stadtkunden übernahm. Jede Stunde wässerte er sein Kräuterbeet. Nach der elften brach er dann zur noch notwendigen Kräutersuche auf, goss die heranwachsenden eigenen Pflänzchen vor dem Abendessen ein zwölftes und vor der Nachtruhe, bereits ins Schlafgewand gekleidet, das dreizehnte Mal. Oftmals hielt er seine Besprechung mit dem Knappen während der dritten Gießrunde ab und nahm die Auftragseingänge während der neunten Bewässerung entgegen. Der Knappe ging ihm während der Woche auch manchmal bei kleineren Schmiedearbeiten zur Hand und bereitete Arbeitsgänge vor, die der Schmied nach dem Bewässerungsritual zu Ende führen konnte. Größere Arbeiten erledigte der fleißige Schmied am Wochenende, wenn auch die Stadtkundschaft keine Geschäfte tätigte und sein Knappe den ganzen Tag auf dem Hof herumlungerte. Dafür erhielt der Junge auch mal einen Taler extra, wofür er die Sonntagsarbeit nur zu gern in Kauf nahm. Bald schon hatte der Mann den Jüngling auch in die Kunst des Kräutersammelns eingewiesen und konnte auch diese Arbeit auslagern, doch nicht, ohne die „Beute“ sorgfältig zu prüfen.

Als sich die sechsundzwanzig Tage dem Ende neigten, kam der Knappe eines Tages ganz aufgeregt aus der Stadt herangeritten. „Meister, Meister!“, brüllte er schon von weitem. „In der Stadt ist der unstillbare Hunger ausgebrochen!“

 

 

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Richte deinen Tagesablauf so ein, dass jede noch so kleine Tätigkeit in sich erfolgreich ausgeführt wird und der Vollendung deiner Sache dient.

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L.G. David Vandeven

www.vandeven24.de

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